Tamadaba Wald – Kiefernwald und Wanderparadies im Nordwesten
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Tamadaba Wald – Kiefernwald und Wanderparadies im Nordwesten

Warum hier ein Wald gedeiht, wo die Insel sonst karg bleibt

Der Tamadaba Wald ist Gran Canarias dichtester Kiefernwald – ein grünes Naturmonument aus Passatwind-Nebel, Vulkangestein und jahrhundertealten Pfaden im Nordwesten der Insel.

Überblick

Wer auf Gran Canaria vom Inselinneren aus Richtung Nordwestküste blickt, sieht auf einmal grün, wo sonst vulkanisches Braun und dürre Hänge dominieren. Das ist Tamadaba: ein rund 7.500 Hektar großer Naturpark, dessen Herzstück der Pinar de Tamadaba ist – einer der am besten erhaltenen Kiefernwälder der Kanaren. Er zieht sich vom 1.444 Meter hohen Gipfel des Montaña de Tamadaba bis hinunter zu den Steilklippen des Atlantiks und gehört zum UNESCO-Biosphärenreservat Gran Canaria. Als Teil des Netzes Natura 2000 beherbergt Tamadaba außergewöhnlich viele Endemiten – rund ein Fünftel der gesamten endemischen Flora des Archipels wächst hier.

Warum hier ein Wald gedeiht, wo die Insel sonst karg bleibt

Die Frage drängt sich förmlich auf: Warum steht ausgerechnet im Nordwesten ein dichter Kiefernwald, während weite Teile Gran Canarias trocken und baumlos sind? Die Antwort liegt im Zusammenspiel aus Wind, Höhe und Ausrichtung. Tamadaba liegt im Luv der Passatwinde – also genau dort, wo die feuchten Nordost-Winde als Erstes auf eine Bergbarriere treffen. Die Luft steigt an den Hängen auf, kühlt ab, und aus den Passatwolken bildet sich dichter Nebel, der sich in den Nadeln der Kanarischen Kiefer (Pinus canariensis) niederschlägt. Diese besondere Fähigkeit der Nadeln, Nebeltröpfchen buchstäblich aus der Luft zu kämmen, wird „horizontaler Regen" genannt und liefert dem Wald zusätzliches Wasser – oft mehr, als der eigentliche Niederschlag hergibt. Kommen dazu noch die Winterstürme aus dem Südwesten, die stellenweise über 1.000 mm Regen im Jahr bringen, entsteht ein Mikroklima, das anderswo auf der Insel schlicht fehlt.

Hinzu kommt die geologische Ausgangslage: Tamadaba besteht aus Gestein des ältesten vulkanischen Zyklus der Insel, der vor rund 13 bis 14 Millionen Jahren begann – tief zerfurcht von Schluchten und Steilhängen, die dem Wald Nischen und Feuchtigkeitsfallen bieten. Neben der kanarischen Kiefer gedeihen hier unter anderem Zistrose, Baumheide, Gagelstrauch und der endemische Bergthymian. Die Kehrseite: Wegen der exponierten Höhenlage kann es im Sommer zu Temperaturumkehr-Effekten mit Werten über 30 °C kommen – ein Faktor, der die Waldbrandgefahr in den trockenen Monaten deutlich erhöht.

Wanderweg Bajada de la Rama – ein Pfad mit Geschichte

Einer der stimmungsvollsten Wege aus dem Wald hinunter ins Tal ist der Sendero San Pedro–Tamadaba, im Volksmund „Camino de la Rama" genannt. Ursprünglich diente der Pfad den Bewohnern des Valle de Agaete ganz praktisch: Sie holten hier Feuerholz und Kohle und sammelten Kiefernnadeln, die sie in den Bananenpackstationen der Region verkauften. Seine eigentliche Bedeutung erhält der Weg aber einmal im Jahr, in der Nacht zum 28./29. Juni: Dann steigen die Bewohner des Valle de Agaete zum Pinar de Tamadaba hinauf, schneiden Zweige von Kiefer, Baumheide und Eukalyptus und tragen sie tanzend zur Ermita de San Pedro hinab – die Bajada de la Rama del Valle de Agaete.

Der Brauch gilt als eines der ältesten lebendigen Rituale der Kanaren und reicht bis in vorspanische Zeit zurück: Die Ureinwohner brachten Zweige aus den Tirma-Bergen herab und schlugen damit das Meer, um in Dürrezeiten um Regen zu bitten. Diese Tradition lebt bis heute fort – am bekanntesten in der großen Bajada de la Rama von Agaete selbst, die jedes Jahr am 4. August stattfindet und zehntausende Besucher anzieht, sich aber als eigenständige Festtradition entwickelt hat. Der Wanderweg entlang des historischen „Camino de la Rama" verbindet San Pedro über Stationen wie die Cañada de las Amapolas, die Cuevas del Berbique und den Pinar de Tamadaba und lässt sich zu einer Rundtour mit dem Weg über El Hornillo und Los Berrazales kombinieren.

Vor Veröffentlichung prüfen: genaues Datum/Ablauf der Bajada de la Rama del Valle (San-Pedro-Version, 28./29. Juni) vs. der großen Bajada de la Rama de Agaete (4. August) sauber trennen, um keine Verwechslung zu erzeugen.

Roque Faneque – Europas höchste Steilklippe

Kein Ausflug nach Tamadaba ist komplett ohne den Blick auf den Roque Faneque: Mit rund 1.027 Metern gilt er als die höchste Steilklippe Europas und eine der höchsten der Welt. Die Felswand fällt nahezu senkrecht in den Atlantik und trägt auf ihrem Rücken noch immer den Kiefernwald des Naturparks, während in ihren Felsritzen hochspezialisierte Endemiten wachsen – manche, wie der seltene Colderrisco de Tamadaba, wachsen nirgendwo sonst auf der Welt.

Der klassische Zugang beginnt an der Casa Forestal de Tamadaba, dem Forsthaus im Wald, das über die Straße GC-216 erreichbar ist. Von dort führt ein leichter, meist gut ausgeschilderter Weg durch den Kiefernwald hinab zum Lomo Faneque (967 m) und weiter zu mehreren Aussichtspunkten entlang des Bergrückens – reine Gehzeit rund eine Stunde pro Richtung. Wer weitergehen möchte, kann den Weg mit der Route über den Gipfel des Montaña de Tamadaba, die Degollada de Humo und die Llanos de la Mimbre zu einer längeren Rundtour ausbauen. An klaren Tagen reicht der Blick bis nach Agaete, Gáldar und sogar Teneriffa.

Llanos de la Mimbre – der sensationelle Aussichtspunkt

Mitten im Herzen des Kiefernwaldes, leicht über die GC-216 erreichbar, liegt das Naherholungsgebiet Llanos de la Mimbre – mit Grill- und Zeltplatz für bis zu 400 Personen eines der beliebtesten Ausflugsziele der Inselbewohner selbst. Von hier zweigen mehrere Wanderwege ab: hinauf zum Pico de La Bandera, oder der klassische, rund 20 Kilometer lange Sendero San Pedro, der einzigartige Ausblicke aus großer Höhe auf Agaete freigibt. Wer nur eine kurze Pause zwischen den Kiefern sucht, findet in den Llanos de la Mimbre schattige Picknickplätze mit einem der schönsten Waldblicke der ganzen Insel.

Pista de Tirma – Schotterweg durch die Einsamkeit der Westküste

Wer Tamadaba auf zwei Rädern erleben will, landet früher oder später auf der Pista de Tirma: einer rund 17 Kilometer langen Schotterpiste, die von der Küstenstraße bei El Risco landeinwärts führt, über den Pass an der Finca de Tirma auf bis zu 1.200 Meter Höhe steigt und am Presa de Tirma vorbeiführt, bevor sie wieder Richtung Artenara oder La Aldea abfällt. Die Strecke gilt unter Gravel- und Mountainbikern als eine der eindrucksvollsten der Insel – schattenlos, einsam, mit freiem Blick auf den Atlantik und bei guter Sicht bis nach Teneriffa, aber auch technisch anspruchsvoll mit losem Geröll auf längeren Abschnitten.

Auch zu Fuß lässt sich die Piste erkunden, etwa in Kombination mit dem Rundweg El Risco–Montaña de Tirma (rund 20 km) über den Mirador de Arena Blanca. Wanderer, die es ruhiger mögen, weichen von der eigentlichen Piste ab und nutzen die Trails rund um den Arco de Tirma und die Degollada Honda – nach Angaben lokaler Wanderer die reizvollere, aber auch anspruchsvollere Alternative zur „langen, zähen" Hauptpiste selbst.

Verkehrsverbindungen

Tamadaba liegt abseits des guagua-Liniennetzes – eine direkte öffentliche Anbindung an den Naturpark selbst gibt es nicht. Die gängigen Zugänge:

  • Mit dem Auto: über die GC-216, die an der Kreuzung mit der GC-210/GC-217 beginnt und nach rund 20 Fahrminuten ab Artenara zur Casa Forestal de Tamadaba führt.
  • Mit der guagua bis Artenara: Linie 220 (Global) verbindet Las Palmas / Teror mit Artenara; von dort ist der Naturpark nur noch zu Fuß oder per Mietwagen/Taxi erreichbar.
  • Von Agaete aus: Wanderzugang über den Sendero San Pedro–Tamadaba (Camino de la Rama) direkt aus dem Valle de Agaete.

Attraktionen in der Nähe

ZielEntfernung (Luftlinie ab Casa Forestal Tamadaba)Besonderheit
Artenaraca. 2,8 kmHöchstgelegener Ort der Insel, Höhlenkirche
Cruz de Tejedaca. 6,7 kmGeografischer Mittelpunkt Gran Canarias
Agaeteca. 12,5 kmFischerort, Ausgangspunkt der Bajada de la Rama
Puerto de las Nievesca. 13,0 kmFährhafen nach Teneriffa, Dedo de Dios
Mirador del Balcónca. 17,8 kmAussichtspunkt an der Westküste Richtung La Aldea